Seit Juni 2024 führen Biologen und wissenschaftliche Taucher eine umfassende Studie über die Kolonien roter Gorgonien im Nationalpark Calanques durch. Das Projekt mit dem Namen BUFFER untersucht, wie diese Art auf die Auswirkungen der globalen Erwärmung reagiert.
„Leute, wir müssen uns treffen. Es passiert etwas Ernstes!“
Im August 2022 schlägt der Meeresbiologe Tristan Estaque Alarm. Aufeinanderfolgende marine Hitzewellen dezimieren zahlreiche Arten – darunter auch die roten Gorgonien (Paramuricea clavata). Taucher beobachten in diesem Sommer ein erschreckendes Bild: Die einst leuchtend purpurnen Fächer verwandeln sich in braune, abgestorbene Skelette, in denen nur vereinzelt noch lebende Kolonien zu finden sind.

Kurz darauf wird eine Videokonferenz organisiert. Mitglieder eines internationalen „Korallenriff-Konsortiums“ kommen zusammen, um die Situation zu analysieren.
Unter ihnen:
Joachim Garrabou vom Institut für Meereswissenschaften (ICM) in Barcelona,
Jean-Baptiste Ledoux vom CIIMAR in Porto,
Didier Aurelle zwischen Marseille und Paris,
sowie weitere Forscher aus Montpellier, Brest und La Seyne-sur-Mer.
Alle sind auch Taucher. Gemeinsam treffen sie sich in der Bucht von Marseille, um erste Beobachtungen durchzuführen.
Innerhalb weniger Wochen erfassen sie das Ausmaß der Schäden: Rund hundert Populationen roter Gorgonien werden untersucht. Mit entsprechender Genehmigung entnehmen sie Proben von etwa zwanzig Kolonien in Tiefen zwischen 0 und 40 Metern – sowohl von gesunden als auch von geschädigten Exemplaren. Die Proben werden konserviert und für weitere Analysen eingefroren.
Millionen genetischer Marker
Schnell stellen sich zentrale Fragen:
Warum sind manche Kolonien widerstandsfähiger gegenüber Hitze?
Spielt die Genetik eine Rolle – oder sind physiologische und mikrobiologische Faktoren entscheidend?
Gibt es „Super-Gorgonien“, vergleichbar mit hitzeresistenten Korallen?
Jean-Baptiste Ledoux weist darauf hin, dass die Auswirkungen der Hitzewellen bis in Tiefen von 30 bis 35 Metern sichtbar waren.
„Da die Effekte unterhalb von etwa 35 Metern deutlich geringer sind, stellt sich die Frage, ob tiefere Populationen als Refugium dienen könnten. Können ihre Larven die geschädigten Flachwasserpopulationen wiederbesiedeln?“

Paramuricea clavata erfüllt im Ökosystem eine ähnliche Funktion wie Bäume im Wald: Sie schafft Struktur und Lebensraum für zahlreiche Arten.
Bereits 2010 zeigten genetische Studien, dass Populationen stark lokal geprägt sind – die Larven verbreiten sich nur über kurze Distanzen.
Heute ermöglichen moderne Sequenzierungstechnologien völlig neue Einblicke:
„Mit Hochdurchsatz-Sequenzierung können wir Tausende bis Millionen genetischer Marker analysieren“, erklärt Ledoux. „Das erlaubt eine bislang unerreichte Präzision bei der Untersuchung genetischer Vielfalt, Verwandtschaftsbeziehungen und Anpassungsmechanismen.“
Diese Methoden könnten auch klären, ob die Widerstandsfähigkeit gegenüber Hitzewellen genetisch bedingt ist oder auf Akklimatisierung beruht.

Ein ehrgeiziges Projekt
Aus diesen Fragestellungen entsteht das Projekt BUFFER. Ziel ist es, wissenschaftliche Erkenntnisse direkt in Schutzmaßnahmen zu überführen.
Finanziert wird das Projekt von der Stiftung Pure Ocean. Es verbindet Forschung, Naturschutz und Sensibilisierung und soll konkrete Werkzeuge für das Management von Meeresschutzgebieten liefern.
Tauchgänge in die Tiefe
Seit November 2024 führen Tristan Estaque und Olivier Bianchimani zahlreiche Rebreather-Tauchgänge durch, um auch tiefere Populationen zu untersuchen.
Die Besonderheit von BUFFER liegt genau hier: im Sampling mesophotischer Zonen, also größerer Tiefenbereiche, die bislang kaum genetisch erfasst sind.
Vom Forschungsschiff aus tauchen die Teams bis auf 50 Meter ab und erreichen anschließend Felsformationen in bis zu 70 Metern Tiefe. Dort entdecken sie dichte Gorgonienfelder – allerdings ohne große Kolonien.
Kleine Fragmente werden entnommen, dokumentiert und für die Analyse vorbereitet. Ein solcher Trimix-Tauchgang dauert inklusive Dekompression bis zu 90 Minuten.
Auch an anderen Standorten werden Beobachtungen durchgeführt, etwa an der Spitze von Caramassaigne auf der Insel Riou.
„Die Populationen wirken auf den ersten Blick gesund“, berichtet Estaque. „Doch wir haben selbst in 47 Metern Tiefe Nekrosen festgestellt. Einige Kolonien reagieren deutlich empfindlicher.“
Weitere Expeditionen führen die Forscher bis in Tiefen von 80 Metern.
In Marseille lagern inzwischen rund sechzig sorgfältig katalogisierte Proben, die zur genetischen Analyse nach Porto geschickt werden.

Fazit
Die Studie soll ein besseres Verständnis für die Ökologie und Vernetzung der Gorgonienpopulationen liefern – insbesondere zwischen flachen und tiefen Lebensräumen.
Langfristig geht es darum, konkrete Schutzmaßnahmen zu entwickeln und Schlüsselpopulationen zu identifizieren, die für die Erhaltung der Art entscheidend sind.
Die mesophotischen Zonen könnten dabei eine zentrale Rolle als Rückzugsräume spielen.
Tristan Estaque erinnert sich an seine ersten Tauchgänge im Jahr 2017 – damals waren die Gorgonien deutlich zahlreicher.
Die aktuelle Situation macht deutlich: Der Schutz dieser empfindlichen Ökosysteme ist dringlicher denn je.
Dieser Artikel, ursprünglich von Alexie Valois für die Printausgabe von PLONGEZ! verfasst, wurde für das Web angepasst.
Fotos: Septentrion Environnement